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zum Weltlehrertag

Das ist wohl mein bis jetzt kurzfristigster Blogartikel. Zwar habe ich letzte Woche gesehen, dass heute Tag des Lehrers ist, aber da ich im Ferienmodus (Bewahrheitung der allgemeinen Meinung «Lehrer haben zu viel Ferien») war, ist mir dieses Datum echt untergegangen. Und obwohl auch der heutige Tag arg voll ist (ja, u.a. mit Unterrichtsvorbereitung und Teamabsprachen) lasse ich es mir nicht entgehen, meine Gedanken dazu zu festzuhalten.

 

Am heutigen 5. Oktober wird also der Weltlehrertag zelebriert, von Google dieses Jahr mit einem sehr schönen Doodle gefeiert. Es soll zeigen, wie vielseitig aber auch anspruchsvoll der Beruf der Lehrperson ist Der Welttag der Lehrerin und des Lehrers, wie dieser internationale Feiertag offiziell genannt wird, wurde von der UNESCO erstmals 1994 proklamiert und sollt das Ansehen der Lehrer weltweit steigern. Der Tag soll auf die bedeutende Rolle der Lehrer für qualitativ hochwertige Bildung und auf die verantwortungsvolle Aufgabe von Lehrern aufmerksam machen

Es sei die Frage erlaubt, ob dies mit einem einzigen Tag im Jahr so einfach zu bewerkstelligen ist. Aber dazu später mehr.

 

Für mich war ungefähr in der 5. Klasse klar, dass ich Lehrerin werden wollte. Ich hatte das grosse Glück gehabt, dass ich in der Primarschule immer hervorragende Lehrerinnen und Lehrer gehabt habe, solche, bei denen das Lernen Spass machte und die es trotz grosser Klassen irgendwie geschafft haben, auf die Fähigkeiten der einzelnen Schülerinnen und Schüler einzugehen und ihnen zu vermitteln, dass sie wertvoll und einzigartig sind.

Ich selber war eine Minimalistin. Aber so was von. Ich hatte meine Sachen immer dabei und die Hausaufgaben erledigte ich auch ziemlich zuverlässig. Meine Noten bewegten sich im oberen Bereich, das reichte mir auch voll und ganz. Ich lebte nach dem Pareto Prinzip: 20% Aufwand für 80 % Erfolg. Meine Mutter schlug oft die Hände über dem Kopf zusammen: «Du könntest so viel mehr, Kind!» Ja, schon. Aber da gab es auch noch so viel mehr als Schule. Musik zum Beispiel. Oder Bücher. Ich war Stammgast in der Schulbibliothek, mit der Zeit durfte ich dort als einziges Kind mithelfen. Was zählte da die Maximalpunktzahl im Mathetest?

 

Bildungsfern wäre wohl der falsche Begriff für das Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Es hat meine Eltern sehr wohl interessiert, dass ich eine gute Ausbildung, egal ob weiterführende Schule oder Lehre, absolvieren konnte. Da keine meiner Schulfreundinnen aufs Gymnasium ging, wollte ich das auch nicht und da waren meine Eltern wohl auch sehr froh drüber. Finanzen und so.

Dass ich dann nach der obligatorischen Schulzeit aufs Lehrerseminar gewechselt habe, war immer noch meinen Lehrpersonen aus der Grundschulzeit zu verdanken. Ich freute mich auf diesen Beruf, weil ich glaubte, dass ich

  • · gut mit Kindern umgehen kann
  • · gern Wissen vermittle
  • · kreativ bin
  • · eher trockene Inhalte spannend gestalten kann
  • · keine Angst vor Eltern habe
  • · selber immer wieder gerne Neues lerne
  • · einen sicheren Lohn erhalten werde
  • · genug Persönlichkeit habe um schwierige Situationen durchstehen zu   können
  • · viel Musik machen werde
  • · Rituale, die Sicherheit geben, pflegen kann
  • · dass kein Beruf auf der Welt so vielseitig und abwechslungsreich ist wie jener der Lehrerin

 

 

Nun ja...vieles davon, eigentlich fast all diese Punkte, haben sich bewahrheitet und sind Gründe, weshalb ich immer noch, 34 Jahre nach meinem Berufseinstieg an der Schule, als Lehrerin tätig bin.

 

In dieser Zeit habe ich alles unterrichtet: Ich war Fachlehrerin auf der Oberstufe, habe als Vertretungs- und Fachlehrerin im Kindergarten gearbeitet und auf allen Stufen der Primarschule unterrichtet. Ich habe Kolleg*innen kommen und leider auch wieder gehen sehen. Was andere mit Ortswechseln zu erreichen versuchten, konnte ich durch Stufenwechsel in meiner Schulgemeinde erleben. Das heisst jetzt nicht, dass hier bei uns Peace on earth wäre, aber ich habe doch das Glück, hier ein Umfeld zu finden, in dem ich meine Fähigkeiten entfalten kann. Vor allem natürlich durch den Wechsel, den ich 2004 vollziehen konnte: Seit diesem Zeitpunkt bin ich in einem 50% Pensum als Fachfrau für Begabungs- und Begabtenförderung angestellt. Man könnte also, um Eckhart von Hirschhausen zu zitieren sagen, ich hätte als Pinguin mein Element gefunden*. Ich schwimme in meinem Gewässer. Auch hier hat es Untiefen und Wirbel, aber ich kann meine Ressourcen anzapfen und Strudel bewältigen. Wenn ich allein nicht weiterkomme, hilft mir ein Team von Fachleuten und Arbeitskollegen, wieder eine Eisscholle unter den Flossen zu haben. Auch das ist nämlich ein Anspruch an die heutigen Lehrpersonen: Teamplayer zu sein. Das Bild des Einzelkämpfers ist definitiv überholt und nicht mehr zeitgemäss. Die Absprachen und Sitzungen finden übrigens ausserhalb der Unterrichtszeit, nicht selten über den Mittag in Begleitung eines Brötchens, statt. Das macht es auch, dass 2019 die Wochenarbeitszeit einer Primarlehrperson mit einem Vollpensum gemäss LCH im Schnitt bei 48 h lag. So viel zu „Lehrer haben immer Ferien und sowieso zu viel Freizeit“.

Zwar habe ich heute nicht mehr eine Klasse, die mir fix zugeteilt ist, aber ich begleite Lerngruppen über eine lange Zeit hinweg. Das eröffnet mir die Möglichkeit die Entwicklungsprozesse der Schüler*innen über einen langen Zeitraum zu beobachten und zu dokumentieren. Das sind ideale Bedingungen, selbst offen zu bleiben, das eigene Wissen zu erweitern und sich mit neuen Lehrmethoden vertraut zu machen und sie im Schulzimmer anzuwenden. Lebenslanges Lernen fast ganz umsonst ;-) Und Spass macht es auch noch.

 

Was ich mir zum Tag des Lehrers wünsche? Von Seiten der Behörden und Eltern gerne ein Stück Anerkennung, die sich nicht nur in Worten, sondern auch in Taten ausdrückt. Wertschätzung für unser Tun und Wissen (da hat uns der Lockdown, so unselig er auch war, sehr in die Hände gespielt...). Dass ich in meinem Arbeitsfeld weiterhin so viel Entfaltungsmöglichkeiten geniessen darf und auch Platz für meine Schulhündin Aura da ist.

 

Der Tag der Lehrperson sollte aber vor allem auch ein Dank an meine zum Teil langjährigen Weggefährt*innen und die ungezählten Berufskolleg*innen in allen Herren Länder sein. Ein Dank für euer Einfühlungsvermögen und die Geduld, die ihr aufbringt,  für die Art und Weise, wie ihr eure Schützlinge auf ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben vorbereitet, für den Unterricht, der stets individuell, kreativ, kompetent, spannend und wertvoll sein sollte. Ihr müsst Streit schlichten, Tränen trocknen, Wunden pusten, Pflaster kleben, Worte finden, stets ein Lächeln auf den Lippen tragen, Verständnis zeigen und viele Fragen beantworten. Ihr seid Wissensvermittler, Vertrauenspersonen, tägliche Begleiter, Vorbilder und Berater.- Wir haben einen der verantwortungsvollsten, spannendsten und vielseitigsten Berufe überhaupt. Dass ihr ein Stück des Weges mit mir geht, wir von einander lernen dürfen- dafür danke ich euch!

 

 

 

*https://www.triangel-zug.ch/wp/wp-content/uploads/2018/10/Die-Pinguin-Geschichte-von-Eckhart-Hirschhausen.pdf

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