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Rumpelstilzchens Dilemma

Wieso erhalten so viele Kinder mit hohen Begabungen das Etikett "sozial und emotional defizitär"? Wie reagieren, wenn ein Kind völlig ausser Rand und Band gerät?
Meine Sicht zur Situation- Ein Blogartikel aus Erfahrung und Theorie.

Nach dem letzten Blog über das Erkennen von hohen Begabungen bei jungen Kindern bin ich von einigen Leser*innen gefragt worden, warum denn die erwähnten negativen Reaktionen bei hochbegabten Kindern vorliegen. Ja, da muss ich doch ein wenig ausholen:

 Vielleicht hilft es für das Verständnis, wenn ich eine Tabelle mit möglichen Zeichen von Hochbegabung und ihren Vorteilen und Herausforderungen hinzufüge:

 

Zeichen von Hochbegabung: Mögliche Vorteile und Herausforderungen*

Anzeichen

Mögliche Vorteile

Mögliche Herausforderungen

Lange Aufmerksamkeitsspanne und intensive Konzentrationsphasen

Lange Zeit ununterbrochener Arbeit, tiefes Eintauchen und Erforschen in persönliche Interessensgebiete

Übergänge können schwierig sein, ignoriert andere Kinder oder Tätigkeiten.

Zieht ältere Spielkameraden vor

Findet Gleichgesinnte für Interessensgebiete oder mit gleichen Vorgehensweisen

Ältere Gefährten sind u.U. nicht so leicht verfügbar, die jüngeren Kindern können mit Inhalten in Kontakt kommen, die nicht entwicklungsentsprechend sind.

Früher und ausgedehnter Spracherwerb

Sind fähig fortgeschrittene Gespräche zu führen, entdecken von Wortspielen

Können die Sprache zur Manipulation brauchen, dominieren Gespräche und Diskussionen

Ausgezeichnetes Gedächtnis

Erinnert sich an Fakten, die früher gelernt wurden oder an gesammelte Informationen

Durch Wiederholungen frustriert, erinnert sich an alles

Extreme Neugier

Gelegenheiten und Anwendungen am echten Objekt zu lernen, möglichst vielfältige Dinge

Vielfältige Interessen, stellt unangenehme Fragen

Hoher Aktivitätslevel und ungewöhnliche Aufmerksamkeit

Liebt es durch Bewegung zu lernen

Frustriert durch Inaktivität, kann hyperaktiv erscheinen

Schnelle Auffassungsgabe

Versteht Instruktionen sehr schnell, braucht kaum Wiederholung

Ungeduldig gegenüber anderen, frustriert durch scheinbare Inaktivität

Wunderbarer Sinn für Humor

Versteht Wortspiele und Zweideutigkeiten

Gleichaltrige könnten den Humor falsch verstehen, benutzt Sarkasmus (der auch verletzend sein kann)

Hohe Beobachtungsfähigkeit

Freut sich und bemerkt kleine Veränderungen

Nichts geschieht unbemerkt

Hohe Sensibilität

In der Lage verschiedene Informationsaspekte zu verstehen

Sensibel gegenüber Rückmeldungen oder Kritik, kann empfindlich reagieren

Abstraktionsvermögen

Sieht das Ganze und nicht bloss Details

Hört nicht auf zu fragen, will mehr wissen und warum

 

 

*Barbara Clark. Growing Up Gifted (Hoboken, NJ: Pearson, 2012). And Gary Davis, Sylvia Rimm, and Del Siegle. Education of the Gifted and Talented(Hoboken, NJ: Pearson, 2010) , übersetzt von Dina Mazzotti 2020

Erinnern wir uns zuerst doch nochmals an die Aussage von Linda Kreger Silverman, „the gifted individual“ in „Counseling the gifted and talented, Love Publishing Co, 1993, p.3

 

„Bei hohen Begabungen geht oft mit einer asynchronen Entwicklung einher, bei der fortgeschrittene kognitive Fähigkeiten und eine erhöhte Sensibilität innere Erfahrungen und Aufmerksamkeit kreieren, welche weit über der Norm liegen. Je höher die intellektuellen Fähigkeiten desto grösser wird der Unterschied zu dem, was wir als „normal“ bezeichnen. Diese Einmaligkeit, dieses Anderssein macht diese Kinder teilweise auch so verletzlich. Für eine optimale Entwicklung sind Anpassungen im Elternsein, im Unterrichten und Beraten unumgänglich.“

 

 

Was heisst das also? Salopp gesagt, je grösser der Entwicklungsvorsprung eines Kindes gegenüber seinen gleichaltrigen Spiel- und Schulkameraden ist, umso mehr wird es sich im Kontakt mit ihnen im falschen Film fühlen. Während sich altersgemäss entwickelte Dreijährige mit einfachem Bauen mit Klötzen begnügen, will ein kognitiv weiterentwickeltes Kind vielleicht wissen, warum die Klötze immer auf den Boden fallen und nicht wie ein Luftballon in der Luft schweben. Oder die Vierjährige will wissen, wie ein Kernenergie funktioniert und sieht dabei auch Bilder eines Atompilzes. Dass dieser Pilz bei Gleichaltrigen auf Unverständnis stösst, ist nachvollziehbar. Für uns. Aber nicht für das interessierte Kind, das die Reaktion der anderen als Ablehnung erfährt, was sich dann je nach Charakter als Wutanfall oder Rückzug äussern wird. Von aussen sieht das dann so aus, als sei das Kind sozial und emotional unreif. Dabei ist es einfach nur frustriert, weil die Reaktionen seiner Kindergartenkamerad*innen, die von Verständnislosigkeit über Desinteresse, Verspottung zu Beschimpfung alles enthalten können, nicht nachvollziehbar ist. Wie soll die kleine Nuklearforscherin wissen, dass dieses Thema für die meisten Gleichaltrigen (auch noch für viele Erwachsene) nicht von Belang ist. Für sie, mit ihrer Auffassungsgabe, die der Kraft eines Masaratis auf der Überholspur gleicht, ist das Tempo eines schnuckeligen VW Käfers einfach nicht nachvollziehbar. Was übrigens nicht heisst, dass der Masarati sich bei Stau oder einer Baustelle nicht mal anpassen muss.

Nicht umsonst suchen sich viele Kinder mit hohen Begabungen nach Möglichkeiten auch ältere Spiel- und Lernkameraden. Da stehen die Chancen dann auch gleich viel höher, dass man gemeinsame Interessen und Themen findet. Darum ist für hochbegabte Kinder ein Klassensprung manchmal auch die Möglichkeit, unreifes, auffälliges Verhalten abzulegen, weil sie endlich angekommen sind, weil der Film jetzt der richtige ist. Das Vorurteil, dass hochbegabte Kinder emotionale und soziale Defizite hätten, hält sich zwar hartnäckig, tatsächlich belegen aber Untersuchungen, dass dem absolut nicht so ist. Im Gegenteil, viele dieser Kinder sind zu hoher Empathie und grossem Einfühlungsvermögen fähig. Nicht selten gehen Hochbegabung und Hochsensibilität nämlich einher.

 

Weiter entstehen unerwünschte Verhaltensweisen dadurch, dass viele Kinder mit hohen Fähigkeiten an ihrem Perfektionismus scheitern. Während andere Kinder im gleichen Altern unbekümmert das Feuerwehrauto oder ihre Familie zeichnen, wenn das im Unterricht verlangt wird, zerknüllen junge Hochbegabte unter Umständen Blatt für Blatt und werden dabei immer verzweifelter. Sie wissen zum Vornehinein, dass das, was sie da zu Papier bringen, nie und nimmer die Realität abbildet, ja, meilenweit davon entfernt ist. Manche beginnen darum auch gar nicht erst mit der Arbeit, trödeln herum, müssen noch zehnmal aufs Klo oder verweigern sich gänzlich. Das ist nicht Trotz, das ist schiere Verzweiflung. Mag sich diese im Rahmen der Schule, des Kindergartens oder der Kita noch in leisen Tränen äussern, kann diese zu Hause im geschützten Rahmen schon mal in Wutausbrüchen mit Türenknallen, Zerstörungswut oder Dreinschlagen äussern. Ja, hin und wieder passiert das auch in der Schule und der Anruf der ratlosen Lehrperson, die von geringer Frustrationstoleranz spricht, lässt nicht lange auf sich warten. Wie man diese aufbauen kann, bespreche ich gerne im direkten Kontakt.

 

Perfektionsmusstreben ist es übrigens auch, wenn Kinder in der Schule unmittelbar nach der Erklärung wieder bei der Lehrperson vorbeikommen und um eine weitere Erklärrunde bitten, obwohl davon ausgegangen werden kann, dass sie längst verstanden haben, was die Aufgabe wäre. Oder das so mühsame Petzen, das uns als Erziehende oft stört: Bei diesen Kindern geht es weniger ums Schlechtmachen eines Kameraden, sondern es ist die Rückversicherung, ob die Regeln, die gestern noch galten auch heute noch wahr sind. Einer meiner Söhne tat dies übrigens daheim, indem er absichtlich ihm bekannt Regeln brach und dann meine Reaktion testete... ehrlich gesagt, blieb ich nicht immer cool. Aber es war tatsächlich seine Art, sich meiner Stabilität zu versichern. Bei vielen dieser Kinder geht es darum, Vertrauen zu fassen, ins unmittelbare und erweiterte Umfeld, aber auch in sich selber. Dadurch, dass sie viel weiter denken als andere Gleichaltrige, sind sie sich u.U. auch viel mehr den Gefahren und Unsicherheiten des Lebens bewusst und brauchen deshalb auch mehr Energie und Mut sich auf Neues einzulassen. Dieser Prozess kann für alle Involvierten ganz schön anstrengend sein.

 

Wie soll man da als Eltern reagieren? Schimpfen nützt nichts. In den Jahren als Mamma eines kleinen Rumpelstilzchens habe ich die besten Erfahrungen damit gemacht, das Kind ohne Worte mal fest in die Arme zu nehmen (Bonding nennt sich das in der Fachsprache) um es einerseits in seinem Aktionsradius zu begrenzen und es andererseits wieder in Kontakt mit sich selbst und mir zu bringen. Erst wenn es wieder einigermassen ruhig geworden ist - und das kann dauern! – kann man sich die meist hohen sprachlichen Fähigkeiten des Kindes zunutze machen und schrittchenweise nachforschen, was denn der Grund für das Ausrasten gewesen ist. Dies geschieht am bestens durch aktives Zuhören,wie es Gordon[1] in der Familienkonferenz vorschlägt oder man nimmt sich Ansätze aus der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg[2] zu Herzen.

In meinen Familienbegleitungen gehe ich da nach Bedarf auch näher drauf ein.

Wichtig ist, dass man als Eltern aber auch als Lehrperson den Frust und die Ohnmacht des Kindes versteht. Wie würden Sie selber reagieren, wenn Sie eine Tätigkeit wie z.B. Schuhe putzen Tag für Tag ausüben müssten, obwohl die Schuhe bereits sauber sind? Jeden Tag, immer und immer wieder? Und die Schuhe dürfen nicht getragen werden, weder am Sonntag noch auf einer Wanderung, sie bleiben im Schrank. So kommt sich wohl der Erstklässler vor, der schon lesen kann, aber trotzdem mit M, I, T und A unsinnige Buchstabenkombinationen bilden und sie lesen üben muss. Keine Wanderung durch Geschichten oder Verse... Das ist vertane Zeit. Das realisieren auch junge Kinder und das frustriert sie, lässt sie verzweifeln, ärgerlich oder trotzig reagieren. Wer könnte es ihnen verübeln?

 

Bei all den unerwünschten Reaktionen der Kinder mit hohen Potenzialen hilft es sehr, als Eltern, aber auch als Lehrperson einen Schritt zurückzutreten, durchzuatmen und eine Aussensicht einzunehmen. Dann mittels Bondings oder in einer beruhigten Situation auf das Kind zuzugehen, auf seine hohe Kommunikations- und auch Reflexionsfähigkeit zu vertrauen und behutsam das Gespräch zu suchen. Ziel muss es sein, die Frustrationstoleranz zu steigern, Selbstsicherheit aufbauen um neue Herausforderungen anzunehmen, die Negativspirale, die durch fehlende Erfolgserlebnisse entstanden ist, zu durchbrechen, mutig zu werden. So können gemeinsam Handlungsalternativen entwickelt werden. Vor allem als Eltern sollte man immer wieder den Fokus auf die Stärken der Kinder legen, ihre Defizite kennen die meisten selber...

 

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Situationen, in denen sich Kinder nicht mehr spüren, einem den letzten Nerv rauben können. Aber es hilft, wenn man sieht, was dahintersteckt: Ein kleiner Mensch, der in Not ist und der vor allem anderen unser Verständnis und unsere Zuwendung braucht und ganz sicher keine Schimpftiraden.


[1]

Thomas Gordon: Familienkonferenz: Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind Heyne Verlag

 

[2] Marshall B.Rosenberg: Was deine Wut dir sagen will: Überraschende Einsichten. Das verborgene Geschenk des Ärgers entdecken. Gewaltfreie Kommunikation, Junfermann Verlag

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Christine (Donnerstag, 15 Oktober 2020 19:03)

    Danke für den interessanten Text. Ich bin selber hochbegabt und kann vieles nachvollziehen.

  • #2

    Meike (Freitag, 16 Oktober 2020 09:25)

    Spannender und lehrreicher Artikel. Viel Dank dafür!