Spielen als Seelennahrung

Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, so lautet ein berühmtes Zitat von Friedrich Schiller. Egal ob Gesellschaftsspiele, Computerspiele oder Glücksspiele, ob zusammen in grosser Runde oder alleine – Spielen ist weltumspannend und kulturübergreifend. Gemeinhin verbinden wir spielen mit der Freizeit von Kindern, für die es nicht nur Vergnügen, sondern auch das Erlernen wichtiger Fähigkeiten darstellt.

 

Der Spieltrieb

Zwar lässt sich auch bei Tierkindern ein klarer Spieltrieb erkennen, doch beim Menschen ist er besonders stark ausgeprägt. Es ist diese Lust und Freude am Spielen, die beim Menschen und bei höheren Tieren zu beobachten ist. Die Bezeichnung Spieltrieb stammt aus der Trieb- und Instinkttheorie, bezeichnet also ein Sozialverhalten, das Säugetieren (und damit auch dem Menschen) angeboren ist und hauptsächlich in der Kindheitsphase auftritt. Vor allem Erwachsenen scheint spielerisches Verhalten oft ineffizient und unsinnig, dabei wird doch einfach um des Spielens Willen, also aus reinem Selbstzweck, gespielt.

Diesen Standpunkt vertritt auch Rolf Oerter, emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie. Seiner Meinung nach ist das Spielen nicht für das unmittelbare Überleben notwendig, es geschieht freiwillig und ausserhalb des Alltags. Oerter bezeichnet das Spielen als Verhalten ohne Zweck, aber nicht ohne Sinn. Denn es ist der Spieltrieb, der es Menschen- wie auch Tierkindern ermöglicht, durch Versuch und Irrtum zu lernen, dabei zentrale Einsichten über das Leben und überhaupt die Welt zu gewinnen sowie teilweise überlebenswichtige Fähigkeiten auszubauen.

 

Spielend für das Leben lernen

Spielen ist immer mit Lernen gleichzusetzen, denn Kinder dabei ganz nebenher wichtige Fähigkeiten und Techniken, die ihnen den Umgang mit ihrer Umgebung erleichtern und ein autonomes Leben ermöglichen. Auf diese Art und Weise legen Kinder im Spiel Grundsteine für ihr späteres Erwachsenenleben.

 

Die Psychologie des Spiels

In seinem Artikel „Zur Psychologie des Spiels[1]“ erläutert Rolf Oerter einige Hintergründe über das kindliche Spielverhalten.

Dabei geht er unter anderem auf die vier Merkmale des Spiels ein:

· Selbstzweck des Spiels: Kinder gehen vollkommen im Spiel auf und sind darauf konzentriert, sodass sie alles andere um sich herum ausblenden.

· Wechsel des Realitätsbezuges: Kinder konstruieren beim Spielen eine neue, ganz eigene Realität und weisen dabei Dingen unter Umständen eine andere Bedeutung oder Funktion zu.

· Wiederholung und Ritual: Kinder wiederholen Handlungen beim Spielen sehr oft, was auch eine Art Ritualcharakter annehmen kann. Dabei werden Handlungen in der immer gleichen Reihenfolge ausgeführt.

· Gegenstandsbezug: Das Spielen bezieht sich im Grunde immer auf Gegenstände wie Spielsachen oder Bestandteile von Gesellschaftsspielen. Deren Bedeutung und Funktion werden oftmals durch die Vorstellungskraft der Kinder umgedeutet.

Ausserdem behandelt Oerter in dem Artikel die verschiedenen Formen des Spiels:

· Sensomotorisches Spiel: Säuglinge und Kleinkinder entdecken die Welt vor allem über Sinneswahrnehmungen. Sie betrachten Gegenstände, betasten und bewegen sie und erkunden sie auch mit dem Geschmackssinn.

· Als-ob-Spiel (Symbolspiel): Ab dem zweiten Lebensjahr beginnen Kinder damit, den Gegenständen, die sie schon kennen, im Spiel eine neue Bedeutung zu geben. Sie werden zum Symbol für etwas anderes und das Kind tut so, als ob es in einer anderen Realität lebte.

· Rollenspiel: Beim Rollenspiel spielen Kinder zu zweit oder zusammen mit mehreren und ahmen Situationen nach, die sie aus dem Alltag kennen. Dafür einigen sie sich auf einen Spielrahmen oder ein Thema und schlüpfen in andere Rollen.

· Regelspiel: Ab einem Alter von sechs Jahren sind Kinder in der Lage, Regeln einzuhalten. Somit werden nun auch Spiele interessant, die auf der Einhaltung von Regeln basieren und nur so funktionieren können.

 

Spielen bereichert alle

Die Freude am Spielen wirkt befreiend und entspannend, sie ermöglicht Gelöstheit, kompensiert Alltagsfrust und vertreibt Langeweile. Gemeinsames Spielen mit der Familie oder mit Freunden fördert zudem den Zusammenhalt und überhaupt die sozialen Kompetenzen. Auf eine lockere Weise wird man gezwungen, sich mit seinen Mitspielern auseinanderzusetzen, was die Chance bietet, bisher unbekannte Eigenschaften an ihnen zu entdecken, zusammen Spass zu haben und die (Aus-) Zeit zu geniessen. Spielen hat nämlich nicht nur auf Kinder positive Effekte sondern auch auf Erwachsene. Wer als Kind viele Gelegenheiten zu spielen hatte und so Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln konnte, braucht es als Erwachsener nicht mehr so stark, aber trotzdem kann Spielen durchaus dabei helfen, die eine oder andere Kompetenz oder Begabung wieder stärker zum Vorschein zu bringen.

Weil das Gehirn beim Spielen durch die Neuvernetzung vieler Gehirnzellen quasi zur Hochform aufläuft, werden Erwachsene werden durch das Spielen befähigt, ihre Potenziale zu entfalten. Ganz nebenbei wird so auch das Gedächtnis gefördert.

 

Zudem fühlen sich viele Erwachsene beim Spielen auf magische Art und Weise wieder in die Kindheit zurückversetzt: Es fehlt nämlich das unbedingte Erreichenwollen eines bestimmten Ziels. In diesem Zustand der Absichtslosigkeit können Erwachsene Erfahrungen sammeln, die ihnen zu mehr Lebendigkeit und Lebensfreude verhelfen. Kommt hinzu, dass Erwachsene durch das Spielen ihren Zugang zu ihren kindlichen Anteilen und Gefühlen stärken, die im täglichen Leben oft durch die starke Betonung des Verstandes verloren gehen, was ebenfalls mehr Leichtigkeit ins Leben bringt.

 

Der spielende Mensch, der homo ludens, war es gemäss dem niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga, auch, der aus spielerischen Verhaltensweisen heraus die Kultur, die Politik und die Wissenschaft entwickelt hat- und dies schon vor dem Erscheinen des homo sapiens! Spielen ist also fest im Wesen aller Säugetiere angelegt. Tierkinder üben durch das Spielen Fertigkeiten, die sie zum Überleben in der Wildnis brauchen. Bei den Menschenkindern wurde durch Ritualisierungen und Institutionalisierungen aus dem Spiel über die Jahrtausende hinweg (bitterer) Ernst.

 

Wie uns Geschichte und Archäologie zeigen, sind immer schon überall auf der Welt Spiele erfunden worden. Es scheint in seinem Innern angelegt zu sein, dass sich der Mensch spielerisch mit seiner Umwelt auseinandersetzt.

 

Kulturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede

Durch interkulturelle Berührungspunkte wurden neue Spiele übernommen und Varianten entwickelt, sodass die Kinder aus verschiedenen Kulturen zumindest teilweise die gleichen Spiele kennen – natürlich oft unter einem anderen Namen. Doch finden sich einige Spiele, die auf der ganzen Welt vorkommen. Das indische Brettspiele „Pachisi“, ist im europäischen Raum eher als „Eile mit Weile“ oder „Hütchenspiel“ bekannt, „Domino“, stammt ursprünglich aus China, „Mikado“ wurde im asiatischen und europäischen Raum erfunden und das „Mühle“-Spiel hat seine Quellen in Ägypten, Irland und China. Auch sind typische outdoor Kinderspiele wie „Himmel und Hölle“, „Verstecken“ oder „Seilhüpfen“ in vielen Ländern bekannt.

 

Verändertes Spielverhalten

Aus evolutionsbiologischer Sicht stellt man, dass sich mit der Entwicklung des Menschen auch sein Spielen verändert hat. In den Anfängen der Menschheit lernten die Kinder spielerisch Fähigkeiten wie der Umgang mit Pfeil und Bogen oder das Spurenlesen, Dinge also, die sie zum Überleben brauchten Heute jedoch spielen unsere Kinder besonders gerne am Computer oder an der Spielekonsole, tauchen also in virtuelle Welten ein, fernab von tatsächlichen Begebenheiten und Dingen, die im alltäglichen Leben eine Rolle spielen.

Diese Unterschiede lassen sich auch heute noch feststellen, denn Kinder aus weniger weit entwickelten Völkern, spielen anders als Kinder bei uns, denn im Spiel trainieren Kinder neben den motorischen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten auch Handlungsweisen und Arbeitsvorgänge, die in ihrer Kultur ausgeübt werden. So imitieren etwa Kinder aus Hirtenvölkern im Spiel den Umgang mit einer Viehherde, während in unserer Kultur bereits Kleinkinder das Telefonieren nachahmen.

 

Spielen aus psychologischer Sicht

Die Forschung ist sich dahingehend einig, dass Spielen kulturell und evolutionär in der Menschheit verankert ist, allerdings verfolgen die Wissenschaftler unterschiedliche Ansätze, was die sogenannte Basismotivation des Spielens betrifft.

Bei Jean Piaget, der Schweizer Psychologe und Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie, liegt die Wichtigkeit des Spielens zwischen zwei Kräften, der Akkomodation und der Assimilation[2]. Akkomodation drückt die Fähigkeit, sich an die Anforderungen der Umwelt anzupassen, aus. Beim Spiel heisst das, dass sich etwa Kinder anpassen, indem sie das reale Verhalten ihrer Eltern imitieren. Durch die Assimilation können sie aber auch die Umwelt an ihre Bedürfnisse anzupassen, indem Gegenstände eine neue Bedeutung bekommen und in der fiktiven Spielwelt etwas anderes darstellen. Nach Piaget behauptet man im Spiel seine eigene Wirklichkeit gegen die reale Umwelt.

 

Den Hauptgrund für das Spielen sieht der sowjetische Psychologe Lew Vygotski in der Erfüllung unrealistischer Wünsche. In Rollenspielen wollen Kinder agieren wie Erwachsene, was ihnen in der Realität verwehrt bleibt. Später eignen sie sich in Computerspielen oftmals besondere Kräfte oder Fähigkeiten an, die sie im realen Leben nie und nimmer haben können. So erfüllt man sich durch das Spiel Wünsche, deren Umsetzung in der Wirklichkeit unmöglich wären.

 

Für Sigmund Freud steht beim Spielen die Wunscherfüllung im Vordergrund. Das Spiel wird als eine selbst geschaffene Realität angesehen, in der man auch mal Sachen macht, die man sonst nie tun würde.

 

Gemäss Mihály Csíkszentmihályi, emeritierter Professor für Psychologie, spielt das sogenannte „Flow“-Erlebnis, eine wichtige Rolle beim Spielen. Beim Spielen verschmelzen Handlung und Bewusstsein, so dass sich Spielende sich zwar der Handlung, aber nicht mehr ihrer selbst bewusst ist. Sie vergessen sich völlig im Spiel, sind komplett darauf fokussiert und befinden sich in einen Zustand der Selbstvergessenheit. Diese „Flow“-Erlebnisse erfordern keinerlei Ziele oder Belohnungen- welche Wohltat in unserer von Leistungsdruck geprägten Gesellschaft!

 

Konsequenzen für den Alltag

Dieser Exkurs in die Hintergründe des Spiels und Spielens ist eigentlich nichts anderes als ein Plädoyer für die Wichtigkeit des Spielens! Das setzt voraus, dass wir als Eltern und Pädagogen aufmerksam beobachten, wo ein Kind in seiner Entwicklung gerade steckt, was es beschäftigt, um was seine Gedanken drehen. Gerade bei hochbegabten Kindern können dies völlig überraschende Themenkreise sein, solche, die man- wenn überhaupt- erst bei älteren erwartet hätte.

So unterscheiden sich natürlich auch die Begabungen der Kinder: Erforschen die einen die Umgebung sehr konkret in Garten, Wald und Fluss, befassen sich andere intensiv mit Gesetzmässigkeiten, Mustern und Strategien, andere probieren sich in Rollenspielen aus oder erfinden Geschichten. Wir, die mit ihnen unterwegs sind, können über genaues Hinschauen und Gespräche mit diesen Kindern, die oft schon früh fähig sind, auf einer Metaebene zu reflektieren, herauszufinden, was genau sie von uns brauchen, wie wir sie in ihrer Entwicklung unterstützen können.

Vielfach sind die Materialien, die hochbegabte Kinder erfreuen und ausfüllen, auch gar nicht teuer. Es sind häufig auch „echte Dinge» , die sich in einem Haushalt befinden, Waage, Massbecher, ausgediente Elektrogeräte, Verpackungsmaterialien. Zudem können auch bereits vorhandene Spiele neu erfunden und durch anspruchsvollere Spielregeln wieder attraktiv werden. Lassen Sie doch einmal Ihr Kind aus dem Zubehör eines Spiels ein neues erfinden- Sie werden staunen!

 

Nichtsdestotrotz: Weihnachten naht und damit auch die Frage, was man denn seinen (hochbegabten) Kindern schenken könnte. Persönlich finde ich das Schenken von Zeit für gemeinsame Erlebnisse gerade auch für Patenonkel und -tanten immer eine gute Sache! Und hier denke ich nicht an den Europapark oder Disneyland, sondern auch an Ausflüge in die nähere oder weitere Umgebung, an eine Wanderung, den Besuch eines Kinderkonzertes, eine Übernachtung im Zelt, gemeinsames Kuchenbacken... es gibt, auf das Kind abgestimmt, so viele Möglichkeiten! Natürlich sind auch Spiele (oder Bücher! aber davon das nächste Mal mehr...) als Geschenke immer eine gute Sache- noch besser allerdings, wenn sie dann auch miteinander gespielt werden! Denn hier können sich Kinder auch mal Verhaltens- und Herangehensweisen bei den Erwachsenen abschauen, herausfinden, wie sich andere in der gleichen Situation verhalten. Denn das Wichtigste für Kinder, nicht nur für hochbegabte!, ist das echte Interesse der Bezugspersonen an seinen Gedanken, seinen Fragen, seinen Gefühlen. Zu meinen liebsten Weihnachtserinnerungen als Mutter gehören jene, als unsere Jungs die Siedler von Catan geschenkt bekommen haben: Tagelang war der Esstisch durch die neu konstruierten Welten blockiert, Freunde und Spielkameraden gesellten sich trotz der Feiertage dazu, brachten Erweiterungssets mit, alle tauchten ein in diese Welten der Eroberer und Pioniere. (Das Essen, das eh zur Nebensache wurde, fand dann am Couchtisch statt).

Wer jetzt noch ratlos ist, was er seinem (Paten-)Kind oder Enkel unter den Christbaum legen könnte, findet vielleicht hier Inspiration. Die Liste wird in nächster Zeit auch noch weiter ergänzt...

Ich wünsche allen Lesenden Musse und Zeit, sich dem Spiel hinzugeben und sich darin Wünsche zu erfüllen, die der Realität nicht standhalten müssen.

 

 

[1]Oerter R(2007)Zur Psychologie des Spiels, Psychologie und Gesellschaftskritik, 31(4), 7-32.

https://nbnresolving.org

[2] http://www.lern-psychologie.de/kognitiv/piaget.htm

Kommentar schreiben

Kommentare: 0