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vom Zauber des Lesens

Wir alle kennen Bilder von jungen Kindern, die kaum zwei Jahre alt schon die ersten Bücher lesen und diese kaum mehr aus der Hand geben, mit ihnen einschlafen und sich im Traum noch in die Welten katapultieren lassen, die sie sich nun erschliessen. Ja, diese Kinder gibt es tatsächlich und sie tun es wirklich von sich aus.

 

Vorbildwirkung

Wer nicht solche Kinder zuhause hat, bekommt die spannende und dankbare Aufgabe, sie in die Welt der Bücher zu entführen. Am leichtesten gelingt dies durch Vorlesen und Erzählen, durch die Vorbildwirkung, wenn man sich selbst hinter ein Buch verkriecht. Dies kann Kinder animieren sich mit Büchern auseinanderzusetzen. Effekte zeigen auch der regelmässige Besuch von Bibliotheken, in denen geschmökert werden und als Krönung auch eine kleine Auswahl an Büchern ausgeliehen werden kann.

 

Frühleser sind nicht zwingend hochbegabt

In einer Studie unter der Leitung von Margrit Stamm zu Frührechnerinnen und Frühlesern konnten von 2667 Kindern sechs Wochen nach Schulbeginn 29 Prozent bereits alle Buchstaben und 21 Prozent alle Wörter vollständig und ohne Fehler lesen. Das heisst, eigentlich hatten diese Kinder den Inhalt der 1. Klasse intus. Diese Studie kommt zum Schluss, dass weder diese Frühleser, noch die Frührechner, bei denen der Wissensvorsprung übrigens noch deutlicher war, ihre Kompetenzen unter deutlicher elterlichen Mitwirkung erworben hatten. 83 Prozent der Kinder haben ihre Lese- oder Rechnungskompetenzen selbstmotiviert erworben, davon haben 27 Prozent ihre Geschwister oder Nachbarskinder imitiert.

Diese Vorschulkinder mit Lese- oder Rechenkompetenz sind absolut nicht zwingend hochbegabt. Margrit Stamm sagt dazu: «Unsere Studie hat deutlich gemacht, dass vorschulisches Lesen- und Rechnenlernen keine überdurchschnittlichen Fähigkeiten erfordert.» Allerding kann davon ausgegangen werden, dass überdurchschnittliches Potenzial vorliegt, wenn Kinder selbstmotiviert früh rechnen und lesen lernen wollen.

Ein Kind, das bei Schuleintritt schon rechnen und/oder lesen kann, erwartet nicht zwingend Langweile und Frust. Allerdings ist eine grosse Herausforderung für die Lehrpersonen auf die unterschiedlichen Entwicklungsstände der Kinder einzugehen, denn die Heterogenität der Schulneulinge ist grösser denn je. Klassenübergreifende Basisstufen und offene Unterrichtsformen in Schulen ermöglichen die individuelle Förderung der Kinder und helfen mit, dass Lesefreude und Neugier auf Neues erhalten bleibt.

Was also tun, wenn das eigene Kindergartenkind verlangt, dass man ihm Zahlen und Buchstaben beibringt? Die Experten sind sich ausnahmsweise einig: Besteht echtes Eigeninteresse soll dieser Neugierde entsprochen werden, weil Herauszögern und Abwimmeln meist kontraproduktiv sind.

Der Satz: «Das lernst du dann in der Schule», endet nicht selten in Enttäuschung und einer möglichen Unterforderung des Kindes. Für Eltern heisst das also: Wenn ein Kind möchte, dass man ihm hilft, seinen Namen zu schreiben: helfen. Wenn es wissen möchte, was da steht: vorlesen. Und sich freuen, dass man bald mit dem Kind in neue Abenteuer eintauchen wird.

 

Lesefreude wecken

Lesefreude wird am einfachsten durch gemeinsames Betrachten von Bilderbüchern geweckt, durch gemütliches Beisammensein, vielleicht kuschelnd auf dem Familiensofa. Stehen einmal keine Vorleser zur Verfügung, tun auch gut gelesene Hörbücher ihren Zweck. Leseanfängern seien auch Bücher empfohlen, die wortgleich auf Audiodateien vorhanden sind. Der Inhalt ist dabei eigentlich sekundär- er sollte einfach das Kind ansprechen. Wichtig ist allerdings, dass der Vorleser eine dialektfreie Sprache spricht, wie z.B. Rufus Beck, der Harry Potter gelesen hat. Leider ist nicht für jedes Buch ein passendes Hörbuch vorhanden. Aber mit den heutigen technischen Möglichkeiten ist es eigentlich nicht so schwierig, selber zur Vorleserin für das Kind zu werden. Da vor allem Bilderbücher ja auch öfters vorgelesen werden, kann auch gleich beim ersten Vorlesen eine Audioaufnahme erstellt werden. Wenn jedoch der Lese-Wunsch nicht im Kind selber ist, es nicht von innen heraus motiviert ist, sich das Universum der Buchstaben zu erschliessen, wird auch das nichts. Das Sprichwort “Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht”, hat auch hier seine Wahrheit.

Wie war ich erstaunt, als mein vierjähriger Sohn den riesigen Teddybären, den sein jüngerer Bruder zum Geburtstag bekommen hatte, mit “So so, du bist also der Tino-Bär” begrüsste, weil dies auf dem Umhängeschild unseres kunstpelzigen Familienmitglieds stand. Bis zu seinem erneuten lauten Lesebekenntnis dauerte es dann aber nochmals gut eineinhalb Jahre: “Brünig-Hasliberg” las er einer Kollegin, mit derer Familie wir in den Bergen zum Schlitteln abgemacht hatten, vor. Und ab diesem Moment gings los und wir bekamen alles fehlerfrei vorgelesen, was irgendwo unter seine Augen kam. Geübt haben wir das nicht, kaum einmal hat er nach Buchstaben gefragt – aber auf seine ureigene Art und Weise hat er sich das Alphabet beigebracht.

 

Mit der Zeit, in der Regel so mit 7 vielleicht 8 Jahren, erwerben Kinder eine gewisse Leseroutine. Geeignete Bücher dazu sollen vor allem unterhaltend sein. Da Kinder oft Gefallen an «mehr vom Gleichen» wünschen eignen sich Kinderbuchreihen wie „Drei ???“, „Drei !!!“ und „Sternenschweif“, welche die Nachfrage nach leichtem Lesefutter abdecken. Allerdings werden sie cleveren Kids oft schnell langweilig. Manche Reihen wie „das magische Baumhaus“ bieten als Zusatz Sachinformationen aus Physik/Naturwissenschaften oder Geschichte, und eigenen sich gut als Übergang zu Sachbüchern. Gut, dass die meisten Bibliotheken diese Serien meterweise zur Verfügung stellen! Apropos Sachbücher: Die gibt es unterdessen auch in sehr einfacher Sprache geschrieben ohne dass sie den Inhalt zu sehr simplifizieren.

 

Herzensbücher finden

Oft werde ich gefragt, was denn geeignete Bücher für Kinder mit hoher Begabung seien. In erster Linie gilt auch hier: Das Kind steht im Zentrum- nicht seine Hochbegabung! Das heisst, was das Kind anspricht, da wo Interesse aufflackert, da kann man mit Lesen beginnen. Als Mutter und Begabungsspezialistin habe ich die Feststellung gemacht, bei uns viele Kinder- und Jugendbücher einmal gelesen wurden und verschwunden sind- aus dem Büchergestell, aus dem Herz, aus der Erinnerung. Weil nichts wirklich Emotionen geweckt hat. Ein Zeitvertrieb, aber nicht mehr. Das kann genau so okay sein wie Spaghetti bologenese, weil wir auch nicht jeden Tag Trüffel-Tagliatelle essen mögen. Aber dann gibt es eben jene Kinderbücher, die etwas in uns berühren, die man immer wieder hervornimmt, welche die Kinder vorgelesen bekommen, auch ein zweites oder drittes Mal und die sie dann schliesslich nochmals selber lesen. Es sind Büchern, bei denen man mitfühlt, bangt und sich freut, bei denen wunderschöne und doch kindgerechte Formulierungen den Inhalt transportieren und die Geschichte interessant, witzig, berührend oder auch alles zusammen ist. Das sind jene Bücher, die, obwohl sie abgegriffen sind, ihren Platz vorne im Büchergestell haben, weil sie schlicht fantastisch sind. Bei uns waren das Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga, Michael Endes Jim Knopf und J.K. Rowlings Harry Potter genauso wie Preusslers Krabat und Cornelia Funkes Herr der Diebe, das uns sogar mal eine Reise auf Spurensuche nach Venedig beschert hat (dass ich dabei auch auf den Spuren von Commissario Brunetti wandeln konnte, war dabei ein angenehmer Nebeneffekt...).

 

Ein Feuer entzünden

Wenn es gelingt, in jungen Menschen den Funken des Lesezaubers zu entzünden und ihnen zu zeigen, wie sie diese Flamme am Leben erhalten können, kommt dies der Schlüsselübergabe zu einer immensen Schatztruhe gleich und wird ihr Leben auf vielfältige Art und Weise bereichern. Und wer dazu noch ein bisschen Inspiration braucht, findet sie vielleicht auf meiner Website begabtundglueckli.ch. Ich habe hier eine kleine, absolut unvollständige Liste, die ständig aktualisiert wird, eingestellt. Möge sie inspirieren und in neue Welten führen!

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