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Das Streben nach Perfektion

Immer wieder begegnen mir in meiner Tätigkeit als Lehrperson für Begabungs- und Begabtenförderung aber auch als Begleiterin von hochbegabten Kindern junge Menschen, denen ihr Streben nach Perfektion ein Bein stellt, sie straucheln lässt und im schlimmsten Fall zu Boden reisst. Dies mitanzusehen, tut sehr weh. So weh, dass ich vor ein paar Wochen beschlossen habe, dem Thema Perfektion auf in meinem Blog Platz einzuräumen- ist es doch wirklich ein Punkt, der immer wieder zur Knacknuss werden kann. Sei es, dass sich ein wirklich hochbegabtes Kind nicht in die nächsthöhere Klasse zu hüpfen traut, weil die Angst, nicht zu genügen – vor allem auch den eigenen Ansprüchen- zu gross ist oder der Respekt vor der vermeintlichen Lernstoff-Lücke unüberwindbar scheint. Sei es, dass ein Kind von ständigen Kopfschmerzen geplagt wird, die medizinisch nirgends festzumachen sind. Nicht immer muss sich dieses Streben nach Vollkommenheit dermassen drastisch äussern. Beim Teamteaching im Regelklassenunterricht fallen mir folgende Eigenschaften und Verhaltensweisen kleiner Perfektionisten auf:

 

 

  • Vermeidung von anspruchsvollen Aufgaben oder Herausforderungen
  • selbstkritisch, selbstbewusst und schnell verlegen
  • sehr sensible Reaktionen auf Kritik
  • äusserst hohe Erwartungshaltung sich selbst gegenüber
  • tendenziell anderen gegenüber kritisch
  • Angst nicht zu genügen, geringes Selbstvertrauen
  • ständige Angst vor Fehlern
  • emotional eingeschränkt und sozial gehemmt
  • Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen und Prioritäten zu setzen
  • Kopf- oder Bauchschmerzen, andere körperliche Beschwerden, die medizinisch nicht erklärt werden können

 

 

Diese unvollständige Auflistung mag jetzt teilweise widersprüchlich scheinen, tatsächlich ist sie es auch. Manchmal vereinen Kinder wirklich gegensätzliche Verhaltensweisen in ihrem Tun, andere tendieren klar in eine Richtung... es ist nicht immer einfach, den kleinen und grossen Perfektionisten auf die Spur zu kommen, denn manche sind auch im Tarnen ihrer Absichten und Ziele richtig perfekt!

 

Woher kommt denn dieser Perfektionismus?

Es würde zu einfach sein, einfach dem Elternhaus die Schuld zuzuweisen. Allerdings erwähnen einige Eltern auf Nachfrage, dass sie durchaus einen Hang zum Perfektionismus haben, der sich z.B. darin äussern kann, dass Schuhe immer perfekt in Reih und Glied stehen, der Tisch immer nach dem gleichen Schema gedeckt und der Familienausflug akribisch und minutiös vorbereitet wird. Hat ein Kind nun die angeborene Disposition zum Perfektionismus, kann dieser durch die Haltung der Eltern natürlich noch verstärkt werden. Beim Schreiben merkte ich, dass sich da der Hund gerade irgendwie in den eigenen Schwanz beisst...

 

 

Zwei Arten von Perfektionismus

Grundsätzlich ist Perfektionismus ja auch etwas Gutes. Wir bemühen uns nach bestem Wissen und Gewissen eine Arbeit zu erledigen und auch wenn vielleicht einige Unsicherheitsfaktoren mitschwingen, so hemmen uns diese nicht. Diese Art von Vollkommenheitsstreben nennt sich funktionaler Perfektionismus. Gelingt uns dabei etwas nicht auf Anhieb, ist dies kein Drama, sondern wir sind bereit, die Fehler zu verbessern und durch Üben in den Griff zu bekommen. Wir sind motiviert, zeigen grosses Engagement und hohe Leistungsbereitschaft- umso mehr, wenn sich erste Erfolge zeigen. Besonders im musischen und künstlerischen Kontext ist dies sehr erwünscht- im kognitiven Bereich kann leider je nach Schul- und Lernkultur auch der Stempel «Streber» aufgedrückt werden.

 

Die andere Art von Perfektionismus nennt sich dysfunktionaler Perfektionismus. Hier ist das Streben nach Fehlerlosigkeit und Beherrschung einer Sache geprägt von einer Angst vor Fehlern und Bewertung. Diese Besorgnis, nicht zu genügen, wirkt hochgradig hemmend und mündet nicht oft in Vermeidungsstrategien. Den Betroffenen ist dies nicht immer bewusst und so ist es nicht selten auch der Körper, der mit psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- oder Bauchweh bei gleichzeitiger medizinischer Unauffälligkeit eindeutige Signale sendet.

 

 

Was tun?

Als Eltern und Lehrperson kann man sich angesichts dieses Sterbens nach Perfektionismus erstmal ratlos und überfordert fühlen und es liegt im Sinne von Aufbau eines besseren Selbstbewusstseins selbstverständlich nahe, dass man das Kind für seine Bemühungen lobt, ihm auch zu verstehen gibt, dass man ja gewusst hat, dass es erfolgreich abschneiden wird. Bald wird sich aber herausstellen, dass dieses Loben nicht wirklich zielführend ist. Denn indirekt vermittelt jedes Gespräch über Leistung, Tests und Noten dem Kind das Gefühl, dass es im Leben nur darum geht, möglichst «gut» zu sein, am besten perfekt. Und welches Kind möchte seine Eltern oder auch Lehrpersonen schon enttäuschen? Diese Versagensangst kann dermassen blockierend wirken, dass «einfach nichts mehr geht» oder dass das Kind aktiv verweigert.

 

Eine mögliche Strategie ist, Leistungen und Noten ganz allgemein weniger zu thematisieren. Als Eltern oder Lehrperson kann man auf perfektionistische Kinder unterstützend einwirken, wenn Fragen zum Entstehungsprozess gestellt werden. Also nachfragen, wieso die Bastelarbeit mit der gewählten Technik hergestellt, das Lied in einem bestimmten Tempo gespielt und das Matheblatt mit genau diesem Lösungsansatz bearbeitet wurde. Das nimmt den Fokus auf das Endprodukt, auf richtig oder falsch weg.

 

Diese Haltung allerdings kann bei den kleinen Perfektionisten zuerst einmal ganz gewaltig auf Ablehnung stossen, denn ihnen  geht es nicht um den Prozess, wenn sie auf dem Instrument ein Lied erlernen, es geht nicht ums schöpferische Tun, wenn sie eine Bastelarbeit herstellen und es geht auch nicht ums Verstehen, wenn sie ein Matheblatt ausfüllen. Es geht nur um ein perfektes Resultat. Kein Wunder, bricht die Welt zusammen, wenn dieses ausbleibt.

 

Wie also könnte man reagieren?

Geht eine Prüfung daneben, und «daneben» kann schon bei einer Fünfeinhalb (in der CH ist ja die Sechs die beste Note) sein, ist die Performance auf dem Instrument nicht lupenrein gewesen oder die Perspektive im Bild nicht genau getroffen, kann das für ein perfektionistisch veranlagtes Kind eine Katastrophe bedeuten. Als Elternteil oder Lehrperson tröstend im Sinne von «das ist doch immer noch gut» oder gar «andere Kinder wären froh, sie könnten das so gut wie du» zu intervenieren, kann gewaltig schief gehen und sogar kontraproduktiv wirken.

 

 

Selbstregualtion

Eine Möglichkeit wäre, an die inneren Ressourcen des Kindes zu appellieren und es zu fragen, was es denn nun brauchen würde, wie es sich quasi selbstregulierend wieder ins Lot bringen kann.

Einer meiner Schüler hat gemerkt, dass es ihm gut tut, wenn er sich in so einem Fall für eine halbe Stunde oder auch mal mehr hinter das Schlagzeug setzt, eine andere Schülerin führt dann jeweils den Hund ausgiebig Gassi. Winwin für beide sozusagen. Eines der Kinder, das ich begleite, mag es dann, mit seiner Mutter eine Runde Qwixx zu spielen- ein Würfelspiel, in dem es zwar auch um taktisches Geschick, aber noch viel mehr um unbeeinflussbares Würfelglück geht. Das Gefühl, dass man es zusammen schön haben und entspannt sein kann, ohne dass man eine besondere Leistung erbringen muss, tut beiden gut. Dieses Kind entdeckt übrigens gerade wieder das Spielen von Gesellschaftsspielen aus reiner Freude wieder. Mehr zum Thema Spiel kann hier gelesen werden.

 

 

Vorbilder Wirken

Eine andere Möglichkeit ist auch, mit dem Kind in einer ruhigen Stunde zu besprechen, wie den seine Vorbilder mit Misserfolgen umgehen würden. Wie reagiert Taylor Swift, wenn sie einen Ton falsch abgenommen hat? Steht sie dann weinend hinter der Bühne und glaubt, alle Welt würde nun mit dem Finger auf sie zeigen? Kinder wollen sich nicht vorstellen, dass ihre Idole schwach und verletzt liegen bleiben, sie schreiben ihnen «Stehaufmännchen-Qualitäten» zu, die sie immer wieder erfolgreich sein lassen. Auch der Torwart der Fussball Nationalmannschaft, Jan Sommer, wird nach einem Ball, den er nicht abwehren konnte, nicht heulend auf dem Rasen sitzen, sondern wieder aufstehen und sich motivieren, erneut sein Bestes zu geben. Genauso, wie es auch perfektionistisch veranlagte Kinder lernen sollte...

 

 

Aus dem Nähkästchen plaudern

Und last but noch least scheint mir auch ganz wichtig, dem Kind zu erzählen, wie wir als Eltern oder Lehrpersonen mit unseren persönlichen Misserfolgen umgehen.

Hier lohnt sich vorgängig auch eine Phase der Selbstreflexion: Was sind wir für Vorbilder? Was leben wir den uns anvertrauten Kindern vor? Kindern von funktionalem oder eben dysfunktionalem Perfektionismus zu erzählen, kann Augen öffnen- es ist wichtig, dass das Kind erlebt, dass seine Zeit mit Freunden, für Spiel, Sport, Musik und Chillen ebenfalls wichtig und wertvoll ist. Und das, was daraus an Neuem entsteht, auch!

 

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