· 

Entwicklungsvorsprünge

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich von einer Nachbarin angesprochen worden: «Du sag mal, wir waren mit der Dreijährigen kürzlich beim Kinderarzt, weil sie so schlecht schläft. Sie will seit einem halben Jahr keinen Mittagsschlaf mehr machen und schläft abends erst gegen 22 Uhr ein. Morgens um sieben ist sie buchstäblich quietschfidel- ich bin kurz vor dem Durchdrehen. Der Kinderarzt meinte, das sei nichts Aussergewöhnliches, J. hätte einfach einen generellen Entwicklungsvorsprung, über den wir uns freuen sollen. Kannst du mir sagen, was das für uns heisst?» 

 

Was ist ein Entwicklungsvorsprung überhaupt?

Der Ausdruck «Entwicklungsvorsprung» ist in letzter Zeit in Facebookgruppen und einschlägigen Foren oft zu lesen. Was ist damit eigentlich gemeint? Das interessiert wohl nicht nur meine Nachbarin mit ihrer aktiven Tochter, sondern noch wesentlich mehr Eltern, die mit dieser Aussage konfrontiert werden. «Ist ein genereller Entwicklungsvorsprung ein Zeichen für Hochbegabung, respektive sind Hochbegabte einfach der Entwicklung voraus? Muss ich jetzt damit rechnen, dass J.s Verhalten immer krasser wird?», löchert mich meine Nachbarin weiter. 

 

Nun ja, wie kam der Kinderarzt eigentlich darauf, von einem generellen Entwicklungsvorsprung zu reden? Und eben- was meint er damit? 

Bei einem Kind, das über besondere Fähigkeiten und allenfalls auch ein inspirierendes Umfeld verfügt, deuten Entwicklungsvorsprünge an, dass diese Faktoren den Entwicklungsprozess beschleunigt haben. Allerdings muss das Kind auch dazu fähig sein, diesen «Dünger» für seine Entwicklung aufzunehmen. Das gelingt nicht jedem Kind.  

 

 

Entwicklungsverläufe sind unterschiedlich

Eigentlich sind es mehrere Aspekte, die sich vermengen und die den Humus bilden, auf dem sich Hochbegabung entwickeln kann. «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht», besagt ein afrikanisches Sprichwort. Offenbar spüre ich den Frühling, so wie mir die Vergleiche aus dem Gartenbereich zufliegen… 

 

Wichtig zu wissen ist aber, dass bei sehr jungen Kindern die Abweichungen von der Entwicklungsnorm wesentlich grösser sein dürfen als bei älteren. So wohl nach oben wie nach unten. Meist holen “Spätentwickler” ihre Verzögerungen auf. Dabei denke ich z.B. an unseren Jüngsten, der mit 2,5 Jahren nur so wenige Wörter gesprochen hat, dass ich bei der Logopädin vorstellig wurde. Diese beschied mir dann, dass sein linguistisches Verständnis auf dem Stand eines 5jährigen sei, aber dass er einfach noch nicht die Motivation habe, zu sprechen. Wieso auch? Der grosse Bruder regelte ja alles für beide... Als der Grosse dann wenige Wochen später in den Kindergarten kam, begann der Kleine zu reden- und zwar ohne Punkt und Komma, so dass ich mir die Stille von vorher manchmal zurückgewünscht habe. Heute studiert er übrigens Kommunikation. 

 

Ähnlich läuft es bei den Entwicklungsvorsprüngen: Es passiert gar nicht so selten, dass sich ausnivellieren- tun sie es nicht, kann man von einer tatsächlichen Hochbegabung auszugehen.  

 

Man könnte jetzt daraus folgern, dass Hochbegabung nichts anderes als ein kognitiver Entwicklungsvorsprung ist, der sich auch über all die Jahre hinweg als stabil erweist. Früher galt zum Beispiel Lesen als ziemlich zuverlässiger Indikator für eine höhere Begabung. Konnte ein Kind zu meiner Zeit- oder auch vor 20 Jahren noch- bei Schuleintritt schon lesen, war dies etwas Aussergewöhnliches. In der heutigen Welt, in der Kinder von klein auf mit Textreizen überflutet werden und Buchstaben überall zu finden sind, muss für den Verdacht auf Hoch-begabung schon eine besondere Lesequalität vorliegen. 

 

In dieser Betrachtungsweise ist Hochbegabungalso eine quantitative Ab-weichung von der Entwicklungs- und Altersnorm, nicht mehr und nicht weniger. Für ein entwicklungsschnelles Kind, welches im Alter von 5 Jahren ohne seine Finger zu nutzen bereits 25 und 8 zügig zu 33 zusammenzählt , müsste dann gelten, dass es einfach nur den typischen Ablauf des Addierens schneller gelernt hat. “Anderes” Denken scheint nicht vorzuliegen.  

Nicht zu unterschätzen: Das UMFeld

Ich persönlich sehe das nicht so. Denn dann würden diese Kinder ja irgend einmal eingeholt werden. Theoretisch zumindest. Intelligenz setzt sich aus genetischen Voraussetzungen (mind. 50%), Umfeld (ca. 30%) und lebenslangem Lernen zusammen. Es sind einfach zu viele Faktoren, die Lernen und Leistung beeinflussen, als dass man Hochbegabung und Leistung an einem simplen Entwicklungsvorsprung festmachen könnte. Dazu fällt mir das Beispiel der 8jährigen M. ein: M. kam aus schwierigen Familienverhältnissen mit Migrationshintergrund in eine Pflegefamilie mit drei hochbegabten Kindern. Die Eingewöhnungsphase war für alle Beteiligten herausfordernd, M. verweigerte sich in ihrer neuen Familie genauso wie in der Schule. Ihre Leistungen waren desolat und eine Versetzung nach unten stand im Raum. Man entschied sich, die Sommerferien abzuwarten und M. regulär starten zu lassen. Ein halbes Jahr später besuchte M. zusammen mit ihrem Pflegebruder ein Förderangebot für starke Mathematik-Schüler*innenn. Ist das nicht eindrücklich? Der Wechsel in ein anregungsreiches Umfeld (und ich weiss, dass sie dort nicht “gedrillt” wurde,wie man vielleicht vermuten könnte!) hat so viel in M. ausgelöst, dass sie als selbstbewusstes Mädchen, das an ihr Potenzial glaubte, die Primarschule absolvieren konnte. Leider habe ich, bedingt durch den Wechsel zurück zu ihrer Ursprungsfamilie, den Kontakt zu ihr verloren- es würde mich interessieren, wie es ihr geht. 

...und die Gene

Bei ganz jungen Kindern fällt oft der geringe Schlafbedarf als erstes auf- fast scheint es, diese Kinder seien immer wach, als wollten sie ja nichts verpassen. Und gleich darauf folgt der frühe Spracherwerb, der schnell mal sehr differenziert ausdrückt, was das Kind möchte. So hat es auch mich als Mutter sehr erstaunt, als einer meiner Söhne mit knapp jährig bereits von «Ech», also «Ich», sprach und nicht mehr die dritte Person, also seinen Namen, dazu benutzte, um seine Bedürfnisse kundzutun. Natürlich kann sich der Vorsprung beispielsweise auch als Flair für komplexe Zusammenhänge oder anspruchsvolle Themen zeigen. Oft rücken auch ethisch- moralische Fragestellungen zu Krieg, Völkermord, Hunger, Umweltzerstörung, Veganismus oder Themen wie Tod und Sterben (vgl. auch den Blog zu Corona) in den Fokus von Hochbegabten. Meist werden diese Kinder durch ihre grosse Neugier und durch das Bedürfnis, Dingen auf den Grund zu gehen, angetrieben Andere Kinder wiederum sind flink auf den Beinen, einige wenige haben schon kurz nach der Geburt die ersten Zähne... 

 

Sind solche Entwicklungsvorsprünge nun auch ein Indiz für Hochbegabung? Ich vermute nämlich, dass mich die junge Nachbarin aus diesem Grund angesprochen hat: die Angst oder auch der Stolz ein hochbegabtes Kind zu haben. 

 

Tatsächlich kann das Entwicklungsalter von Kindern mit besonders hohem kognitivem Potential deutlich über dem tatsächlichen Lebensalter liegen. Das heisst eben, dass eine Dreijährige bereits aktiv mit ihrer Mutter verhandeln will, ob jetzt anstelle des Mittagsschlafes tatsächlich eine Zimmerstunde angesagt sei oder die werweisst, warum die Spielgruppenleiterin findet, es gäbe keine orangefarbenen Bären. Das kann ermüdend sein- aber gleichzeitig auch faszinierend und bereichernd.  

Ich verstehe die zwiespältigen Gefühle von Eltern, denen ein Entwicklungs-vorsprung ihres Kindes mitgeteilt wird. Aber aus Erfahrung kann ich bestätigen, dass ein Entwicklungsvorsprung nicht zwingend bedeutet, dass ein Kind hochbegabt ist. 

Wie Wird Hochbegabung festgestellt?

Gibt es einen konkreten Grund, eine vermutete Hochbegabung zu überprüfen, wird in aller Regel ein IQ-Test durchgeführt. Allerdings, und das habe ich in einigen Blogs auch schon erwähnt, ist ein hoher IQ kein Garant für Hoch-leistungen. Ganz abgesehen davon, dass zwar ein hoher IQ nie zufällig ist, weil die Tests so aufgebaut sind, dass dies nicht passieren kann, ist es aber durchaus möglich, dass sich Kinder aus verschiedensten Gründen unter ihrem Wert schlagen. Die pädagogische Diagnostik, die sich auf Beobachtungen und Arbeitsergebnisse der Kinder stützt, kann da realitätsgeprüfte Resultate liefern. Im Moment ist dazu auch ein neues Tool, das Salomé Müller-Oppliger mit ihrem leider kürzlich verstorbenen Mann Victor an der FHNW Liestal entwickelt hat, in der Erprobung. Sie hat es am Begabungsförderungskongress, der im Januar online stattgefunden hat, präsentiert und es klingt sehr vielversprechend!

Nicht zu vergessen bei der Potenzialevaluation sind natürlich auch die Eltern, die -obwohl ihnen untern Umständen verlässliche Vergleiche  fehlen- schliesslich Experten für ihr Kind sind, einfach, weil sie es am längsten und unmittelbarsten kennen.

Wird getestet, ist es wichtig zu wissen, dass der Intelligenzquotient sich eben auf das Alter bezieht. Bei jungen Kindern entwickelten sich etwa kognitive Fähigkeiten und Aufmerksamkeitsvermögen rasant. Darum ist es essentiell, die Resultate eines Kindes von z.B. 5 Jahren 2 Monaten mit denjenigen anderer Kinder in genau demselben Alter zu vergleichen- genau das passiert in der Auswertung, je nach Test auf ca. 3 Monate genau. Würde man die Resultate mit denen von jüngeren Kindern vergleichen, erschiene der IQ zu hoch und analog dazu im Vergleich mit älteren Kindern zu tief. Erst ab dem Alter von sechs Jahren werden Testwerte aussagekräftiger, ab etwa zehn Jahren wird der IQ zunehmend stabiler und am Ende der Wachstumsphase ist davon auszugehen, dass er mehr oder weniger gleich bleibt bis etwa 65. Gute Gesundheit vorausgesetzt.

 

Für mich als Diagnostikern heisst das aber auch, dass ich Kinder erst ab dem vollendeten 6. Lebensjahr teste, weil da die Zahlen verlässlicher, die Kinder konzentrierter und kooperativer sind. Allerdings sehe ich in der 1:1 Arbeit mit dem jungen Kind natürlich bereits schon, wie es sich auf die Situation einlässt, wie divergent und unkonventionell es denken kann, wie es auf neue Inputs meinerseits reagiert- alles Dinge, die Letztendes Puzzlesteinchen im Feld der Hochbegabung sind. Nur selten spielt in diesem Alter übrigens eine genaue Zahl schon eine massgebliche Rolle. Wichtig ist, den Eltern Förderhinweise geben zu können, nicht im Sinn von Drill sondern als Anregung, damit das Kind sein Potenzial seinen Anlagen entsprechend entfalten kann.

 

Wichtig scheint mir, sich vor Augen zu halten, dass ein allfälliger kognitiver Entwicklungsvorsprung jedoch nicht bedeutet, dass das Kind in allen Bereichen gleichermassen voraus sein muss. Erlebt ein Kind also einerseits, dass es schnell die richtigen Worte findet, andererseits aber bei Dingen Unterstützung braucht, welche Gleichaltrigen oder gar Jüngere schon erfolgreich lösen, kann dies ver-unsichern und dazu beitragen, dass es das Vertrauen in seine Kompetenzen ver-liert. Massgeblich entscheidend ist, wie seine Bezugspersonen mit diesen teil-weise irritierenden Unterschieden umgehen: Fassen sie die Differenzen als „normal“ auf (was sie auch durchaus sind!) und nehmen sich die Kinder sowohl mit ihren Stärken als auch Schwächen wahr, verliert das Asynchrone seinen potenziell hemmenden Einfluss. Rein rechnerisch ist übrigens davon auszugehen, dass in jeder Kindergarten- und Unterstufenklasse eines oder zwei solcher “Rennpferdchen” sitzen. 

Um auf meine Nachbarin zurückzukommen: Grundsätzlich gehe ich mit dem Kinderarzt einig. Sich in so einer Situation sich über das, was und wie es eben ist, zu freuen, ist sicher ein guter, ressourcen-orientierter Ansatz, der dem Kind (und den Eltern!) am meisten hilft. Ob das Kind eine Hochbegabung entwickelt oder ob sich der Entwicklungsvorsprung ausgleicht, ist nicht die primäre Frage. Die Fragestellung, die sich alle Bezugspersonen stellen sollten, ist jene, wie das Kind optimal begleitet und unterstützt werden kann, damit es als glückliches Wesen, dass mit all seinen Stärken und Schwächen sein Licht in die Welt trägt, unterwegs sein kann. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0